Reisebericht: Digital oder Analog

Wieso wieder Analog, wenn ich doch schon Jahre digital fotografiere

 

Beiträge über Analog vs. Digital sind in Netz bereits genügend vertreten. Es gibt meiner Meinung nach keinen Grund die analoge Fotografie als überholt oder etwas für ewig Gestrige abzustempeln. Es gibt mehrere Gründe, die es für mich gibt, weswegen ich immer wieder neben der digitalen Kamera eine analoge am Start habe.

 

Welche Gründe sind es nun, die das alte Medium am Leben halten?

 

Die Kosten? Ich bin erst durch die Kosten zur digitalen Fotografie gekommen. Als bereits die digitalen Kameras die 10 Millionen Pixel überschritten, und das analoge fotografieren verdrängte, passierte natürlich das, was durch die Marktgesetze passieren muss. Die Filme, insbesondere die Schwarzweisen und deren Entwicklung wurden teurer. So zumindest hatte ich das damals im Gefühl. Aber evtl. war es auch so, dass bei div. Shootings doch so einige s/w KB-Patronen verschossen wurden. Und die Ausbeute wurde natürlich auf einem Kontaktbogen, oder besser im kleinsten Format 9×13 entwickelt. Das eigene Fotolabor war noch nie mein Ding. Und so wurde das halt „fremdvergeben“. Bei einer digitalen Kamera kann man den Auslöser so oft drücken, wie man möchte, ohne dass bei jedem Auslösegeräusch gleich ein paar Cent ausgegeben sind……dachte ich damals. Und schaffte mir unter anderem auch aus diesem Grund den ersten digitalen Fotoapparat an.

 

Das mit den vermeintlich niedrigeren Kosten bei einer digitalen Kamera ist aber halt auch wieder nur die halbe Wahrheit. Schaue ich heute in die digitale Fototasche, dann liegt dort ein digitaler Vollformatbody, der gut und gerne neu 2,5 große Steine gekostet hat. Da kann ich mir aber `ne Menge Filme inkl. Entwicklung kaufen. Und die Bodys verlieren wie jeder andere Elektronikartikel schneller an Wert, als einem lieb sein kann. Und wenn man dann fleißig den Auslöser drückt, dann zählt die Elektronik in der Kamera punktgenau mit, was den Wertverlust natürlich beschleunigt. Dann hast du deine Speicherkarte voll…..und dann? Ab an den Computer, und die Bilder ausgewertet. Natürlich muss die Kiste auch die Megabyte halbwegs flüssig verarbeiten können. Wie auch die Bildbearbeitungssoftware. Denn die braucht man ja auch noch. Und wenn man sich, zumindest technisch, weiterentwickeln will, dann wachsen mit der Auflösung auch die Ansprüche an die Postproduktion. Sei es der Computer, sei es die notwendige Software. Als Hobbyfotograf mit entsprechenden Anspruch wird das ein fortdauerndes Groschengrab. Ist ja nicht schlimm, Hobbys dürfen ja auch bisserl was kosten. Blöd wird es nur, wenn man dann doch nicht so zum fotografieren kommt. Dann kostet das Hobby Geld, ohne dem Hobby nachzugehen. Kosten in Form von Wertverlust des Equipments. Witziger Weise werden gute analoge Kameras sogar mehr Wert. Besonders dann, wenn ein rotes Papperl vorne drauf ist.  😉

 

Die Bildqualität. Was die Auflösung betrifft, hat die digitale Fotografie schon lange auf das alte Medium aufgeschlossen. Zumindest im Kleinbildformat. Ich bin ganz froh, dass ich kein Pixelpeeper bin. Ich muss nicht in ein Bild solange reinzoomen, bis ich endlich jeden einzelnen Pixel mit Namen ansprechen kann. Mir reichen die Pixel, welche mir das Bild im Komfortabstand scharf erscheinen lassen. Bildqualität ist aber auch wieder keine eindimensionale Sache. Wer jetzt denkt: „Ein technisch perfektes Bild ist noch lange kein gutes Bild“, möge bitte 5.- € in mein imaginäres Phrasenschein werfen. Bankverbindung steht im Impressum. Stimmt aber. Um ein Foto „aufzuwerten“ wird heute das Bild oft genug auf Analog getrimmt. Schärfe raus, Korn rein. Also ist im Umkehrschluss ein analoges Foto für die meisten Betrachter noch immer „scharf“ genug. Natürlich ist das auf analog trimmen auch eine Zeiterscheinung, die irgendwann wieder abnimmt. Aber wohl kaum ganz verschwinden wird. Vorteil der digitalen Bilder ist, dass ich die Wahl habe. Ich kann es knackscharf haben, oder mit entsprechender EBV und Filtern auf alle möglichen analoge Looks trimmen. Und genau das hat mich wieder mehr zur analogen Fotografie gebracht. Paradox, ist aber so.

 

Im Moment experimentiere ich ein wenig. Mein laufendes Projekt „Purchased Memories“ hat meinen aktuellen Trend noch unterstützt. Oftmals sind bei den gekauften Erinnerungen noch ein Rest an aktuellen Erinnerungen, die eingefangen werden können. Also nix mit inflationären drücken des Auslösers. (Was ich mir auch seit der digitalen Fotografie nie angewöhnt habe…. GottSeiDank J ) Natürlich war ich bei der Verwertung der Restkapazität der Knipskiste weder wählerisch noch geduldig. Wollte ich doch den Film möglichst zeitnah zur Entwicklung bringen. Aber trotzdem merke ich sehr schnell, dass die analoge und somit limitierte Fotografie eine andere ist! Sie ist mir im Moment der Aufnahme irgendwie wertvoller. Ich will von dem aufzunehmenden Bild nur eine Aufnahme machen. Und nicht, wie in der digitalen Fotografie, eine unzählige Menge. Am besten noch im BKT Modus.

 

Die Emotionen. Ich war die Tage bei einem Bekannten, der einen Flohmarktladen, Kruschladen, Antiquitätenladen oder „wie auch immer Laden“ hat.  Ich besuche den Laden alle Monate mal, und frage Ihn natürlich, was er den so an Fotoapparaten reinbekommen hat. Er legte mich unter anderem eine doppeläugige Mittelformatkamera auf den Tresen. Und so wechselte eine Pearl River den Besitzer. Einen Agfa APX 100 Rollfilm hatte ich noch im Kühlschrank. Und einen Gossen Sixtomat in der Schublade. Also stand seit langem mal wieder der analogen Mittelformatfotografie nichts mehr im Wege. Außer evtl. dem Genre, welches ich mit dem auf 12 Aufnahmen limitierten Film aufnehmen wollte. (Für die Leser, die sich nicht so auskennen: Beim Mittelformat hat man i.d.R. 12 Aufnahmen. Dann ist der Film voll!) Aber das ergab sich schneller, als ich dachte. Hatte ich doch vor einiger Zeit auf dem Flohmarkt einen Schwung Bücher erworben, dich sich mit dem Thema „Fotografie“ beschäftigten. Darunter war neben Newton, Warhol und anderen auch der Bildband „Diane Arbus – Zeitschriften Arbeit“. Hier war aus dem Jahr 1963 eine typisch quadratische 6×6 Mittelformat Aufnahme von Peter Ustinov zu sehen. (Gerne hätte ich hier einen Link zu dieser Aufnahme hinzugefügt. Aber diese Aufnahme ist im Web nicht zu finden! Was mir wiederum zeigt, dass es im Web vieles gibt. Aber noch lange nicht alles!) Diese Aufnahme gefiel mir recht gut, so dass ich mit meinen (seit langen mal wieder) nur 12 Aufnahmen nicht nur Natur und Architektur fotografieren wollte. Also spreche ich jetzt Personen aus meinem Umfeld an, dass ich von Ihnen ein Foto machen möchte. Die Reaktion auf meine Bitte, war größtenteils die gleiche: Wieso willst du mich fotografieren? Ich antworte dann: Du, ich habe mir eine 50 Jahr alte Kamera zugelegt, die ich testen will. Und nachdem ich mit dem Belichtungsmesser bei der Lichtmessmethode vor dem Gesicht messe, ist spätestens die Frage obsolet. Und auch der anschließende Workflow beim fotografieren gibt der Szenerie und deren Protagonisten eine vollkommen andere Stimmung. Denn erstens habe ich ja mit meiner Aussage die Technik in den Vordergrund gestellt. Und zweitens darüber hinaus auch noch eine vollkommen veraltete Technik, welche es mit nicht erlaubt, das Bild sozusagen zeitgleich in allen möglichen Netzwerken zu posten. Den irgendwie sind wir die letzten Jahre empfindlicher geworden, wenn wir fotografiert werden, und nicht gleich den Grund der Fotografie wissen, oder zumindest es meinen zu wissen. Und nicht zuletzt der spezielle Workflow einer doppeläugigen Kamera mit Lichtschachtsucher, der m.E. einen andere Beziehung zwischen dem Fotograf und dem zu fotografierenden Menschen aufbaut. Ich halte weder einen Foto vor mich, als wollte ich mich verteidigen, noch verstecke ich mein Gesicht hinter einem Fotoapparat. Es ist einfach eine andere Art einen Menschen zu portraitieren. Ob Sie besser ist? Das sehe ich in ein paar Tagen/Wochen. Den so lange werde ich mit meiner Doppeläugigen brauchen, um die Menschen zu treffen und zu fotografieren, die ich hierfür vorgesehen habe.

 

Es gibt für mich also mehr als nur einen Grund, immer wieder neben der aktuellen Technik, die vermeidlich alte und überholte Art der Fotografie analog zu betreiben. Und es macht mir Spaß. Und nur darum geht es mir, mit meinem Hobby. Der Fotografie J

Und das ist auch der Grund, dass ich in meinem Gepäck jede erdenkliche kleine Lücke mit einem 135er Film stopfe, und eine (oder 2) analoge Kamera mit auf die Reise nehme!